Im Oktober wird es langsam wieder gemütlicher. Die Tage werden kürzer, die ersten Lebkuchen stehen längst in den Supermarktregalen und die Zeit auf dem Sofa wird wieder etwas länger. Genug Gelegenheit also, durch Social Media zu scrollen. Und dabei gibt es diesen Monat einiges zu entdecken.
TikTok will uns am liebsten direkt vom nächsten Video zum Kauf verführen, Instagram setzt noch stärker auf Reels und selbst in ChatGPT wird uns künftig häufiger Werbung begegnen. Während die Plattformen also weiter um unsere Aufmerksamkeit kämpfen, zeigen einige Marken, wie man diese mit kreativen Ideen gewinnt (oder es zumindest versucht).
Welche Entwicklungen, Kampagnen und kuriosen Geschichten uns im Oktober besonders aufgefallen sind, haben wir wie immer in unserem Marketing-Radar für euch gesammelt. Viel Spaß beim Lesen!
Inhaltsverzeichnis
Warm-up: News, Neuerungen und nächste Termine
Was war los im Oktober?
Instagram macht Reels zur Startseite: Wer Instagram öffnet, könnte künftig direkt im nächsten Reel landen. Die Plattform testet eine neue Startseite, auf der Kurzvideos im Mittelpunkt stehen. Beiträge von Accounts, denen man folgt, verschwinden zwar nicht, sind aber erst nach einem Swipe zu sehen. Noch ist die Funktion freiwillig und kann wieder deaktiviert werden. (Quelle: onlinemarketing.de)
ChatGPT-Texte bekommen unsichtbare Wasserzeichen: OpenAI führt in der EU eine neue Kennzeichnung für KI-generierte Texte ein. Das Besondere: Die Wasserzeichen sind für uns nicht sichtbar. Stattdessen entstehen durch bestimmte Muster in der Wortwahl statistische Signale, anhand derer sich KI-Texte erkennen lassen sollen. Ganz zuverlässig ist das allerdings nicht. Schon kleinere Änderungen oder Übersetzungen können die Erkennung erschweren. (Quelle: onlinemarketing.de)
Werbung in ChatGPT wird immer vielseitiger: ChatGPT entwickelt sich zunehmend zu einer Werbeplattform. OpenAI hat im Oktober neue visuelle Anzeigenformate vorgestellt und die Möglichkeiten zur Erfolgsmessung erweitert. Für Marketingteams entsteht damit ein weiterer Kanal, über den sie potenzielle Kund:innen erreichen können. Die neuen Bildformate befinden sich allerdings noch in der Testphase und sind zunächst nur eingeschränkt verfügbar. (Quelle: OpenAI)
Zurück in die 90er: Cometlink bringt den Retro-Chat zurück: Wer ICQ, alte Chaträume und endlose Ladebalken vermisst, bekommt jetzt eine kleine Zeitreise geschenkt. Die Web-App Cometlink bringt das Chatgefühl der 90er zurück! Einen großen technologischen Fortschritt stellt das zwar nicht dar, dafür zeigt die Anwendung ziemlich charmant, wie viel Begeisterung Nostalgie auslösen kann. Und dass eine gute digitale Erfahrung manchmal gar nicht die modernste sein muss. (Quelle: t3n)
KI wird zum Shopping-Helfer am Black Friday: Künstliche Intelligenz spielt bei der Schnäppchenjagd eine immer größere Rolle. Laut einer aktuellen YouGov-Studie planen 31 % der Deutschen, am Black Friday oder Cyber Monday einzukaufen. Unter den potenziellen Käufer:innen würden 42 % KI nutzen, um die besten Preise zu finden. Den Kaufabschluss würden allerdings nur 8 % der KI überlassen. Insgesamt hat sich die geplante KI-Nutzung innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. (Quelle: YouGov)
Social Media erst ab 13 Jahren? Deutschland plant strengere Regeln: Instagram, TikTok und Snapchat könnten für Kinder unter 13 Jahren künftig tabu sein. Die Bundesregierung hat im Oktober Eckpunkte für einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen im Netz beschlossen. Für ältere Jugendliche sind unter anderem eingeschränkte Konten mit elterlicher Begleitung und begrenzter Nutzungszeit im Gespräch. (Quelle: onlinemarketing.de)
ChatGPT führt geschützte Chats ein: Mit den neuen „Locked Chats“ können Nutzer:innen sensible Unterhaltungen künftig vor neugierigen Blicken schützen. Einzelne Chats lassen sich per PIN, Face ID oder Touch ID sperren und verschwinden aus dem normalen Chatverlauf. Auch die Memory-Funktion greift nicht auf neue Inhalte dieser Gespräche zu. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bietet das Feature allerdings nicht. Die Funktion wird schrittweise für alle ChatGPT-Tarife ausgerollt, auch für die kostenlose Version. (Quelle: onlinemarketing.de)
MarkOp-Tipp: Noch nicht genug Marketing-News? In unserem Marketing-Radar aus dem September haben wir uns unter anderem angeschaut, wie KI die Google-Suche verändert, warum eine mögliche KI-Bremse für Diskussionen sorgt und wie ABOUT YOU und Penny mit kreativen Kampagnen auf sich aufmerksam gemacht haben. Schaut gerne nochmal rein!
Was steht an im November?
Auch im November stehen wieder einige spannende Veranstaltungen für Marketing- und Digitalprofis an. Wer Lust auf frische Impulse, neue Kontakte und jede Menge Fachwissen hat, sollte sich diese Termine vormerken:
09. November – Affiliate Conference, Berlin: Hier dreht sich alles um Affiliate-Marketing, erfolgreiche Partnerprogramme und neue Strategien für die Zusammenarbeit zwischen Advertisern, Publishern und Agenturen.
11.–12. November – THIS IS MARKETING, Frankfurt am Main: Zwei Tage voller Marketing-Insights, spannender Speaker und Networking. Auf dem Programm stehen unter anderem Social Media, Performance Marketing, E-Commerce und aktuelle Branchentrends.
12. November – ADZINE CONNECT Video Advertising, Hamburg: Die Veranstaltung widmet sich den neuesten Entwicklungen rund um digitale Videowerbung, Bewegtbildstrategien und die Zukunft des Video Advertisings.
19. November – SEO-DAY, Köln: Im RheinEnergieSTADION dreht sich alles um Suchmaschinenoptimierung. Von technischem SEO über Content-Strategien bis hin zu KI in der Suche gibt es jede Menge Praxiswissen.
Diese (inoffiziellen) Feiertage bringen euch (und euren Redaktionsplan) durch den November:
01.11. – Weltvegantag: Seit 1994 macht der Weltvegantag auf die vegane Lebensweise aufmerksam. Eine gute Gelegenheit, pflanzliche Alternativen vorzustellen, mit Vorurteilen aufzuräumen oder nachhaltige Ideen zu teilen.
08.11. – Tag des Cappuccinos: Ob mit Kuhmilch, Haferdrink oder extra viel Milchschaum – heute feiern wir den italienischen Kaffee-Klassiker. Perfekt für einen gemütlichen Sonntagskaffee und ein bisschen Kaffeekultur im Feed.
11.11. – Singles' Day: Was ursprünglich als Tag für Singles in China begann, hat sich längst zu einem der größten Shoppingevents weltweit entwickelt. Für Onlineshops ist der 11. November eine gute Gelegenheit, mit besonderen Aktionen und Rabatten auf sich aufmerksam zu machen.
12.11. – Tag der schlechten Wortspiele: Heute haben selbst die flachsten Wortwitze ihren großen Auftritt. Wer schon lange einen richtig schlechten Witz in der Schublade hat, darf ihn endlich guten Gewissens posten.
23.11. – Tag des Espressos: Klein, stark und für viele unverzichtbar: Am Tag des Espressos dreht sich alles um den italienischen Wachmacher. Ideal für eine kleine Kaffeepause oder einen humorvollen Blick auf den Büroalltag.
27.11. – Black Friday: Der Freitag nach Thanksgiving ist längst auch in Deutschland einer der wichtigsten Shoppingtage des Jahres. Für Händler:innen bedeutet das volle Warenkörbe, attraktive Angebote und jede Menge Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kund:innen.
30.11. – Cyber Monday: Wer nach dem Black Friday noch nicht genug geshoppt hat, bekommt direkt die nächste Gelegenheit. Der Cyber Monday wurde ursprünglich als Online-Shopping-Aktion ins Leben gerufen und bildet heute für viele Händler:innen den Abschluss eines ganzen Rabattwochenendes.
Von wegen nur Videos: TikTok baut sein Werbeuniversum aus
Eigentlich wollten wir doch nur kurz durch TikTok scrollen. Ein lustiges Video hier, ein neuer Trend da und plötzlich ist eine halbe Stunde vergangen. Künftig könnte dabei auch noch das eine oder andere Produkt im Warenkorb landen. Denn TikTok hat Anfang Oktober gleich mehrere Neuerungen vorgestellt, mit denen die Plattform nicht nur unsere Aufmerksamkeit, sondern auch unsere Kaufentscheidungen stärker beeinflussen will.
Eine der spannendsten Neuerungen heißt Buy Direct. Damit können Nutzer:innen Produkte künftig direkt aus ihrem For-You-Feed kaufen, ohne TikTok verlassen oder erst den TikTok Shop aufrufen zu müssen. Ein Klick genügt, um den Kauf direkt bei einer Marke abzuschließen.
Unterstützung bekommen sie dabei von einem neuen KI-Shopping-Assistenten. Dieser beantwortet Fragen zu Produkten, Größen, Verfügbarkeit oder Versand und soll sich sogar individuelle Vorlieben merken können. Statt sich mühsam durch verschiedene Onlineshops zu klicken, können Nutzer:innen also direkt im Gespräch mit der KI nach dem passenden Produkt suchen.
Für Marken und Onlineshops ist das interessant, weil zwischen der ersten Produktentdeckung und dem tatsächlichen Kauf immer weniger Schritte liegen. Je einfacher der Kaufprozess, desto geringer könnte schließlich auch die Wahrscheinlichkeit sein, dass potenzielle Kund:innen unterwegs abspringen.
Einen kleinen Haken gibt es allerdings: Die neuen Shopping-Funktionen starten zunächst in den USA. Wann sie auch in Deutschland verfügbar sein werden, ist bislang offen.
TikTok-Werbung bald auch außerhalb der Plattform
Doch TikTok möchte nicht nur das Shopping innerhalb der App verändern. Mit dem neuen TikTok Ad Network können Unternehmen ihre Anzeigen künftig auch außerhalb der Plattform ausspielen.
Das Netzwerk umfasst mehr als 400.000 Apps weltweit. Werbetreibende können damit zusätzliche Zielgruppen erreichen und ihre Kampagnen weiterhin über den TikTok Ads Manager steuern. Auch die Platzierung der Anzeigen und die Markensicherheit sollen sich dort kontrollieren lassen.
Hinzu kommen weitere KI-gestützte Funktionen, die beispielsweise die Auswahl passender Werbemittel automatisieren oder bei der Gewinnung neuer Leads unterstützen sollen.
Auch das neue Ad Network startet zunächst in den USA. Trotzdem zeigt die Entwicklung ziemlich deutlich, wohin TikTok möchte: weg von der reinen Entertainment-App und hin zu einer Plattform, die möglichst viele Schritte der Customer Journey abdeckt. (Quelle: TikTok Newsroom)
Was bedeutet das für Marken?
TikTok entwickelt sich zunehmend von einer Unterhaltungsplattform zum Shopping- und Werbekanal. Für Unternehmen entstehen dadurch neue Möglichkeiten, Nutzer:innen direkt vom Entdecken zum Kaufen zu bringen. Gleichzeitig wächst der Wettbewerb um Aufmerksamkeit.
Entscheidend bleibt, dass Werbung zur Plattform passt. Denn auch wenn TikTok immer mehr Shopping-Funktionen bietet, kommen die meisten User vor allem aus einem Grund: Sie wollen unterhalten werden. Wer zu aufdringlich wirbt, wird schnell weitergescrollt.
Kein Netz? Mega! Followfood dreht den Spieß um
Kein Netz? Für die meisten von uns dürfte das ungefähr so erfreulich sein wie ein leerer Akku bei zwei Prozent Restladung. Und für Mobilfunkanbieter ist es vermutlich das Letzte, womit sie werben würden. Schließlich versuchen diverse Anbieter seit Jahren, uns davon zu überzeugen, dass ausgerechnet sie das beste Netz haben.
Die Lebensmittelmarke Followfood sieht das allerdings ganz anders. Mit ihrer neuen Kampagne „Kein Netz? Mega!“ nimmt sie die typischen Werbeversprechen der Mobilfunkbranche auf die Schippe und macht aus einem vermeintlichen Nachteil plötzlich ein ziemlich gutes Verkaufsargument. Denn hier geht es gar nicht um Mobilfunk, sondern um Thunfisch.
In mehreren kurzen Werbefilmen tritt die Marke wie ein Telekommunikationsanbieter auf. Ein Moderator verspricht eine „No-Net-Garantie“, empfiehlt den „Wechsel zu keinem Netz“ und präsentiert sogar ein Dosentelefon. Was nach einer ziemlich schlechten Mobilfunkstrategie klingt, hat bei Followfood einen ernsten Hintergrund.
Der beworbene Thunfisch wird nämlich nicht mit großen Fangnetzen gefischt, sondern einzeln mit Rute und Leine. Diese sogenannte Pole-and-Line-Methode ermöglicht einen besonders selektiven Fischfang und reduziert das Risiko, dass andere Meerestiere unbeabsichtigt mitgefangen werden. Genau darauf möchte Followfood aufmerksam machen. Statt mit komplizierten Erklärungen oder bedrückenden Bildern für nachhaltigere Fischerei zu werben, verpackt die Marke ihre Botschaft in ein Wortspiel, das vermutlich jede sofort versteht.
Und das funktioniert gerade deshalb so gut, weil wir die Mechanik dahinter längst kennen. Die großen Mobilfunkanbieter haben uns schließlich jahrelang beigebracht, dass ein gutes Netz etwas Positives ist. Followfood muss diese Assoziation nur noch auf den Kopf stellen.
Für uns ist die Kampagne ein schönes Beispiel dafür, dass Nachhaltigkeitskommunikation nicht zwangsläufig kompliziert oder belehrend sein muss. Gerade bei Themen wie Fischerei, Lieferketten oder Umweltschutz ist es schließlich eine Herausforderung, komplexe Zusammenhänge so zu erklären, dass Menschen sich überhaupt damit beschäftigen möchten.
Followfood schafft das mit einem einfachen Perspektivwechsel. Die Marke greift etwas auf, das wir aus einem völlig anderen Bereich kennen, und gibt ihm eine neue Bedeutung.
Natürlich ersetzt ein guter Werbespruch keine transparente Nachhaltigkeitskommunikation. Aber er kann dafür sorgen, dass Menschen sich überhaupt erst fragen, wie ihr Thunfisch eigentlich gefangen wird. Und das ist schon einmal ein guter Anfang.
„Gute Werbung muss nicht immer das Rad neu erfinden. Followfood zeigt ziemlich clever, wie man ein bekanntes Werbemuster auf den Kopf stellen kann. Mit Humor und einem einfachen Wortspiel wird ein komplexes Nachhaltigkeitsthema verständlich vermittelt, ohne dass die eigentliche Botschaft untergeht.“
Céline, Content-Marketing-Managerin bei MarkOp
Hauptsache viral? Warum Marken nicht jeden Trend mitmachen müssen
Ein fliegender Einkaufswagen, ein Bügeleisen mit Raketenantrieb und ein ICE, der plötzlich abhebt. Klingt nach einem ziemlich verrückten Traum? Tatsächlich sind das einige der Bilder, mit denen Marken im Oktober auf Social Media für Aufmerksamkeit gesorgt haben.
Der Auslöser: ein viraler Hype rund um das Raketenauto von Elon Musk. Schnell dauerte es nicht lange, bis zahlreiche Unternehmen auf den Trend aufsprangen und ihre eigenen Produkte mithilfe von KI zum Fliegen brachten. Mit dabei waren unter anderem Lidl, Sixt und die Deutsche Bahn.
Auf den ersten Blick eine typische Social-Media-Geschichte: Ein Trend geht viral, Marken reagieren mit einem Augenzwinkern und sammeln im besten Fall jede Menge Likes und Kommentare. Doch diesmal löste der Hype auch eine Diskussion darüber aus, ob wirklich jede Aufmerksamkeit gute Aufmerksamkeit ist.
Wenn aus einem Meme eine Grundsatzfrage wird
Aber: Wer auf den Raketenauto-Hype aufspringt, verbreitet nicht einfach nur ein lustiges Meme. Die Marken verschaffen damit auch Elon Musk und dessen öffentlicher Inszenierung zusätzliche Aufmerksamkeit. Angesichts seiner politischen Positionierungen und kontroversen Äußerungen wird das schnell problematisch.
Dahinter steckt eine Frage, die im Marketingalltag schnell untergeht: Wem verschaffen wir eigentlich Reichweite, wenn wir einen Trend aufgreifen?
Denn auch wenn Unternehmen ihre eigenen Produkte in den Mittelpunkt stellen, bleibt die Verbindung zum ursprünglichen Trend bestehen. Und nicht immer passt dieser zu den Werten, für die eine Marke stehen möchte.
Andererseits bedeutet die Teilnahme an einem viralen Meme nicht automatisch, dass eine Marke sämtliche Ansichten der Person unterstützt, von der der Trend ausgegangen ist. Viele Nutzer:innen dürften die Bilder schlicht als humorvolle Anspielung verstehen. Genau deshalb lohnt es sich, solche Entwicklungen differenziert zu betrachten.
Schnell sein ist gut. Eine eigene Idee haben ist besser.
Real-Time-Marketing lebt davon, aktuelle Ereignisse aufzugreifen und möglichst schnell darauf zu reagieren. Wenn das gelingt, können Marken nahbar wirken, ihre Community unterhalten und mit vergleichsweise wenig Aufwand große Aufmerksamkeit erzielen.
Allerdings gibt es einen Unterschied zwischen einer kreativen Reaktion und dem bloßen Kopieren eines Trends.
Gerade durch KI-Bildgeneratoren ist es inzwischen ziemlich einfach geworden, innerhalb weniger Minuten ein eigenes Meme zu erstellen. Das Problem: Wenn zwanzig Marken ähnliche Bilder veröffentlichen, bleibt am Ende oft weniger die einzelne Marke im Gedächtnis als der ursprüngliche Trend.
Interessanter wird es, wenn Unternehmen dem Meme einen eigenen Dreh geben. Die Deutsche Bahn kann beispielsweise mit einem fliegenden ICE selbstironisch auf ihre eigene Marke anspielen. Und Lidl kann das Motiv nutzen, um seine Preise humorvoll in Szene zu setzen. Damit bekommt der Trend zumindest einen Bezug zur Markenkommunikation.
Trotzdem bleibt die Frage, ob ein paar zusätzliche Likes den Aufwand und mögliche Diskussionen wert sind.
Muss wirklich jede Marke auf jeden Zug aufspringen?
Natürlich nicht. Und genau darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus der ganzen Geschichte.
Nur weil ein Trend gerade überall auftaucht, muss er nicht automatisch im eigenen Redaktionsplan landen. Bevor Marken mitmachen, lohnt es sich, kurz zu überlegen: Passt das Thema zu unserer Zielgruppe? Können wir dem Trend etwas Eigenes hinzufügen? Und möchten wir tatsächlich mit seinem Ursprung in Verbindung gebracht werden?
Gerade wenn gesellschaftliche oder politische Themen im Hintergrund stehen, kann ein schneller Social-Media-Post schließlich auch unbeabsichtigte Botschaften vermitteln.
Das bedeutet nicht, dass Marken auf Humor oder spontane Reaktionen verzichten sollten. Im Gegenteil: Gut gemachtes Real-Time-Marketing kann richtig unterhaltsam sein. Aber die besten Beiträge entstehen nicht unbedingt dadurch, dass man besonders schnell auf einen Hype reagiert.
Unser Takeaway:
Nicht jeder virale Trend ist automatisch eine gute Marketingidee. Wer auf einen Hype aufspringen möchte, sollte neben der möglichen Reichweite auch den Kontext und den eigenen Markenfit berücksichtigen. Denn manchmal ist es kreativer, einen Trend vorbeiziehen zu lassen, als das nächste austauschbare Meme zu veröffentlichen.
Drei Omas, eine KI: OpenAI räumt mit Tech-Klischees auf
Werbung für künstliche Intelligenz? Da denken viele wahrscheinlich erst einmal an futuristische Bilder, komplizierte Technologien oder junge Menschen, die begeistert vor ihren Bildschirmen sitzen. OpenAI geht in seiner neuen Deutschland-Kampagne einen etwas anderen Weg: Hier stehen drei Seniorinnen im Mittelpunkt, die einfach mal ausprobieren, was ChatGPT alles kann.
Unter dem Motto „Sag Hallo zur neuen ChatGPT Voice“ zeigen Gabi, Bärbel und Pham, wie sich die Sprachfunktion von ChatGPT im Alltag nutzen lässt. Und das Ganze kommt deutlich unterhaltsamer daher als eine klassische Produktvorstellung.
In den Werbespots haben die drei Frauen ganz unterschiedliche Pläne. Bärbel möchte eine Radreise organisieren und lässt sich von ChatGPT Voice passende Etappen, Zwischenstopps und ein Budget zusammenstellen. Pham benötigt eine Präsentation für ihren Botanikkurs und Gabi beschäftigt sich mit der Frage, welche Frisur ihrer Freundin Bärbel am besten stehen würde.
Statt lange Nachrichten einzutippen, sprechen sie einfach mit ChatGPT. Die KI hilft bei der Planung, übersetzt Nachrichten oder unterstützt bei der Terminorganisation.
Dabei läuft nicht immer alles nach Drehbuch. Die drei Protagonistinnen improvisieren, unterbrechen die Regie und beziehen sogar das Filmteam in ihre Gespräche ein. Die Spots wirken dadurch stellenweise eher wie ein Blick hinter die Kulissen als wie klassische Werbung.
Nebenbei stellt OpenAI auch Verbesserungen der Sprachfunktion vor. ChatGPT Voice soll unter anderem natürlicher Deutsch sprechen und verschiedene Akzente besser beherrschen.
Warum ausgerechnet drei Omas?
Die Besetzung ist natürlich kein Zufall. Während Technologieunternehmen häufig auf junge, besonders technikaffine Menschen setzen, stellt OpenAI bewusst eine Zielgruppe in den Mittelpunkt, die in solchen Kampagnen eher selten vorkommt.
Und das hat einen guten Grund: Obwohl KI längst im Alltag vieler Menschen angekommen ist, gibt es weiterhin Unsicherheiten und Vorbehalte. Laut einer Bitkom-Umfrage vom Mai 2026 fühlen sich 40 Prozent der Menschen in Deutschland durch KI abgehängt und 39 Prozent überfordert.
Gabi, Bärbel und Pham sollen zeigen, dass man weder Programmierkenntnisse noch besonderes Technikverständnis braucht, um KI zu nutzen. Statt komplizierter Erklärungen gibt es alltägliche Situationen, mit denen sich viele Menschen identifizieren können.
Dazu kommt der Humor. Die drei Frauen nehmen sich selbst und die Dreharbeiten nicht allzu ernst. Das macht die Kampagne sympathisch und nimmt einem Thema, das häufig mit Unsicherheit verbunden ist, ein Stück seiner Schwere.
Gute Werbung muss nicht alles erklären
Aus Marketingsicht gefällt uns an der Kampagne besonders, dass OpenAI nicht versucht, möglichst viele technische Funktionen und Produktvorteile in einen Werbespot zu packen. Stattdessen stehen die Menschen und ihre kleinen Alltagsprobleme im Mittelpunkt. Die Technologie ist zwar der Anlass für die Werbung, spielt aber nicht die Hauptrolle.
Damit verfolgt OpenAI einen interessanten Ansatz: Die Marke versucht nicht nur, neue Nutzer:innen zu gewinnen, sondern auch Menschen anzusprechen, die sich bislang vielleicht gar nicht mit KI beschäftigt haben.
Natürlich zeigt die Werbung vor allem die einfachen und unterhaltsamen Seiten der Sprachfunktion. Nicht jede Anwendung ist ohne zusätzliche Einrichtung möglich und einige Funktionen setzen kostenpflichtige Angebote voraus. Trotzdem gelingt es der Kampagne, die Möglichkeiten der Technologie auf verständliche Weise zu vermitteln.
Unser Takeaway:
Gerade bei neuen oder erklärungsbedürftigen Produkten kann es sinnvoll sein, weniger über die Technologie und mehr über die Menschen zu sprechen, die sie nutzen. OpenAI zeigt, wie Humor, ungewöhnliche Protagonistinnen und alltägliche Situationen dabei helfen können, Berührungsängste abzubauen. Manchmal überzeugt eben eine sympathische Geschichte mehr als die längste Funktionsliste.
Die Kreativfrage im Oktober
Manchmal braucht es gar keine völlig neue Idee, um etwas Besonderes zu schaffen. Followfood hat uns diesen Monat gezeigt, wie viel Potenzial darin steckt, etwas Bekanntes einfach mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Und genau darum geht es bei unserer Kreativfrage im Oktober:
Wenn ihr ein typisches Werbeversprechen aus eurer Branche auf den Kopf stellen müsstet – welches wäre das und was würdet ihr daraus machen?
Manchmal reicht schon ein kleiner Perspektivwechsel, um auf eine gute Idee zu kommen.
Final Thoughts
Das war’s auch schon wieder. Und wenn wir aus diesem Monat eines mitnehmen, dann wohl, dass gute Marketingideen ganz unterschiedlich aussehen können.
Während TikTok immer neue Möglichkeiten schafft, Produkte und Werbung direkt in unseren Alltag zu integrieren, beweisen Marken wie Followfood, dass manchmal schon ein cleverer Perspektivwechsel reicht, um aufzufallen. Und die Sache mit den Raketenauto-Memes? Die hat uns zumindest daran erinnert, dass man nicht jeden Trend mitmachen muss, nur weil gerade alle darüber sprechen.
Wir sind gespannt, welche kreativen Ideen, kuriosen Trends und spannenden Entwicklungen der November für uns bereithält. Bis dahin wünschen wir euch jede Menge Inspiration, gute Einfälle und einen möglichst stressfreien Start in die Vorweihnachtszeit.